Dr. Hans Georg Früchte, der einige Jahre in Pullach verbrachte, rettete als Wehrmachtsarzt im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Juden und setzte sich für einen humanen Umgang mit Kriegsgefangenen ein. Auf einer Gedenkveranstaltung in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin hat ihm die Kommission der jüdischen Gedenkstätte Yad Vashem nun posthum den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen.

Dr. Hans Georg Früchte praktizierte 66 Jahre lang als Arzt in Sulzemoos bei Dachau. Er wurde 1915 in Göttingen geboren. Mit seiner Familie lebte er seit 1921 in Pullach, hier ging er zur Volksschule und hier hatte er bis 1945 seinen Wohnsitz. Sein Abitur legte er 1934 am Neuen Realgymnasium in München ab. Im selben Jahr konnte er nur mit Mühe einen Medizinstudienplatz in München erhalten, da seine Familie und er als „politisch unzuverlässig“ galten. Nach Abschluss seines Studiums 1940 wurde er gleich zur Wehrmacht einberufen.
Als er im Januar 2011 mit 95 Jahren verstarb, fand seine Tochter Tatjana Früchte im Nachlass Unterlagen aus seiner Dienstzeit bei der Wehrmacht, über die er nie gesprochen hatte: Eigene Aufzeichnungen, ein Tagebuch über Fahrten an die West- und Ostfront (1940/41) und Zeitzeugenberichte über sein Wirken an der Ostfront. Diese betrafen vor allem den ersten längeren Einsatz als Wehrmachtsarzt in einem Lager für sowjetische Kriegsgefangene, dem Durchgangslager (DULAG) 160 der Wehrmacht im ukrainischen Chorol.


Die Aussagen früherer Kriegsgefangener und Kameraden, die im Zuge der Spruchkammerverhandlungen nach dem Krieg zusammengetragen wurden, berichten, wie Hans Georg Früchte alles nur Mögliche versuchte, die Vernichtungspolitik gegen sowjetische oder jüdische Gefangene nicht zu befolgen: Er bildete Netzwerke mit Ärzten, die sich unter den Gefangenen befanden, um Verfolgte zu versorgen und zu schützen. Er verbarg jüdische Gefangene oder gab sie als Moslems aus. Er führte Operationen aus, um die Erkennung der jüdischen Beschneidung zu verhindern. Er versuchte laufend, Häftlinge aus dem Lager zu schaffen und ihnen gefälschte Papiere zukommen zu lassen. Er kümmerte sich intensiv um Zivilisten der Umgebung. Wehrmachtsoldaten, die durch ihn zu behandeln waren, schrieb er großzügig krank und frontuntauglich. Personen, die mit ihm zum Dienst eingeteilt waren, versuchte er zu einem humanen Umgang mit den Kriegsgefangenen zu bewegen.
Es muss sich um eine größere Zahl aufgekommener Verstöße gehandelt haben, die dazu führten, dass er zeitweise an die Front strafversetzt wurde. Dank seiner starken Konstitution konnte er diese Phasen überstehen. Hans Georg Früchte hat bei hohem persönlichem Risiko in großer Zahl konkrete und sicher bezeugte Rettungsaktionen für Juden durchgeführt. Er verlangte keine Gegenleistungen oder Absicherungen dafür. Nach diesen 1963 festgelegten Kriterien wurde ihm durch die Kommission von Yad Vashem nun der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen.
