Volkstrauertag 2025

Zum bundesweiten Volkstrauertag wurden auch in unserer Gemeinde am Sonntag, 16. November, erneut Gottesdienste sowie die traditionelle Gedenkfeier an der Gedächtnisstätte für die weltweiten Opfer von Krieg und Gewalt abgehalten.

Pfarrer Wolfgang Fluck und Konrad Petersen hielten die Andacht. Anschließend folgten Ansprachen von Pullachs Erster Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund und von Heinrich Fischer, Vorsitzender der Soldatenkameradschaft. Darüber hinaus trug der Pullacher Kulturpreisträger Jörg Baesecke ein persönliches Gedicht vor. Wir danken allen herzlich für ihren Beitrag.

Ein großes Dankeschön für die tatkräftige Unterstützung und die rege Teilnahme geht außerdem an die Pullacher Blasmusik, die Freiwillige Feuerwehr und an die Pullacher Vereine, die auch diesmal mit ihrer Anwesenheit wieder den Stellenwert der Veranstaltung unterstrichen haben. Ein weiterer Dank an den Bauhof für die Vorbereitung vor Ort.

Für alle, die beim Volkstrauertag nicht dabei sein konnten, gibt es die Ansprachen und das Gedicht im Folgenden zum Nachlesen.

Rede von Susanna Tausendfreund, Erste Bürgermeisterin:

Liebe Anwesende, schön, dass Sie da sind.

Wenn wir uns die Entwicklungen in der Welt ansehen, besteht 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur weiterhin, sondern ganz besonders jetzt der große Auftrag an uns, zu erinnern, zu mahnen und vorzubeugen.

Es darf niemals wieder so dunkle, menschenverachtende Zeiten, wie in der Zeit des Nationalsozialismus geben. Geschichtsarbeit ist Teil unserer Verantwortung und Basis für unsere Demokratie. Demokratie ist aber keine Selbstverständlichkeit. Demokratie und Menschenrechte müssen Tag für Tag verteidigt werden.

Gegenüber denjenigen, die grundlegende demokratische Grundsätze aktuell immer wieder in Frage stellen, muss es von uns allen eine klare Ansage geben: Für den Schutz unseres Miteinanders, für den Schutz unserer Demokratie!

Die Pullacher Gedenkstätte wurde 1957/58 erbaut. Sie diente als Ersatz für das Kriegerdenkmal in der Ortsmitte auf dem Sparkassen-Grundstück. Der Bau sollte an die Opfer des Ersten und des Zweiten Weltkriegs erinnern. Die Besonderheit: Die Gedenkstätte an der Hochleite ist eine sakrale Kapelle. Die Einweihung fand am 16.11.1958 statt – auf den Tag genau vor 67 Jahren.

Der Erinnerungsort entstand für die im Krieg Gefallenen, für die Opfer. Menschen, die hineingezogen wurden oder einfach nur ihren Dienst erledigt haben.Oder auch für Helden? Waren es Helden, mussten sie, durften sie, brannten sie für die Sache? Haben diejenigen, die das Hitler-Regime unterstützten oder sogar beförderten, später bereut? Oder einfach weitergemacht? Was haben sie ihren Familien über die schrecklichen Ereignisse erzählt? Oder haben sie gar nichts erzählt und alle schrecklichen Erlebnisse mit ins Grab genommen? Aus heutiger Sicht, mit Abstand, können wir unsere Erkenntnisse sortieren und an die Jüngeren weitergeben?

Die Gedenkstätte ist als Erinnerungsort auch Ersatz für ein individuelles Grab. Das individuelle Grab konnte es oft nicht geben. Viele der Gefallenen, der gewaltsam im Krieg Getöteten, konnten entweder nicht nach Hause gebracht werden oder sie waren verschollen, ihr Verbleib war nicht bekannt. Für die Familien war und ist es ein großer Trost, trotzdem einen Erinnerungsort zu haben. Die Gedächtnisstätte ist so nicht nur ein allgemeiner, sondern auch ein individueller Trauerort.

In der Gedenkstätte wird auch Menschen gedacht, die bei dem größten Bombenangriff auf Pullach, auf die „kriegswichtigen Betriebe“ in Höllriegelskreuth, am 19.07.1944 getötet wurden. Aufgenommen in das Gedenken wurden auch Studenten des Berchmanskollegs, die im Krieg fielen. In der Namensliste finden sich ums Leben gekommene Angehörige der Familien, die es nach Vertreibung und Flucht nach Pullach verschlagen hat.

Pullach ist nach dem Zweiten Weltkrieg stark gewachsen. Vertriebene, Flüchtlinge, Heimatlose mussten untergebracht werden. Die Abbildung der Namen ihrer im Krieg gewaltsam getöteten, gefallenen Angehörigen auf den Gedenktafeln, werte ich als damaliges sehr positives Signal: „Ja, ihr seid in Pullach angekommen, ihr seid hier willkommen!“.

Nicht gedacht wird in der Gedächtnisstätte der verfolgten jüdischen Bürgerinnen und Bürger. In unseren Untersuchungen haben wir die Schicksale von 39 Familien und Einzelpersonen dokumentiert. Zum größten Teil konnten sie emigrieren (23 Fälle). Von ihnen wurden dennoch sechs Menschen ermordet, drei nahmen sich das Leben. Auf dem Gebiet der Gemeinde gab es weitere vier Suizide jüdischer Bürgerinnen und Bürger an der Großhesseloher Brücke.

Nicht gedacht wird in der Gedächtnisstätte der Menschen, die der „Euthanasie“ zum Opfer gefallen sind, einer besonders perfiden Mordvariante.Ebenfalls nicht gedacht im Gebäude der Gedächtnisstätte wird Tausender Menschen, die in Pullach und Umgebung Zwangsarbeit leisten mussten. 28 Personen verstarben in Pullach, darunter sieben Zwangsarbeiterinnen, die bei dem Bombenangriff vom 19.07.1944 ums Leben kamen.

Auf den Tafeln im Gedenkstättengebäude werden bis heute allerdings auch Personen aufgeführt, die selbst für die Kriegs- und Vernichtungskatastrophe mitverantwortlich waren. Hierzu haben wir umfangreiche Recherchen angestellt, die in der Pullacher Schriftenreihe nachzulesen sind. Hiermit umzugehen, ist ebenfalls unser Geschichtsauftrag.

Die NS-Zeit und der Zweite Weltkrieg haben in Pullach deutliche Spuren hinterlassen: Allein von April 1944 bis April 1945 hat es 69 Luftalarme gegeben, viele hielten die Menschen stundenlang in Atem. Als am 08.05.1945 der Krieg beendet war, schrieb ein Pullacher an seine Eltern folgende Zeilen:

„Nun sind schon einige Tage über die letzten schweren Ereignisse in Deutschland dahingegangen und man gewinnt einigen Abstand, um sich in die neuen, noch keineswegs stabilen Verhältnisse einzufinden. Der Krieg mit seinem ungeheuren Druck auf uns ist beendet. Man genießt trotz der niederschmetternden Lage, in der wir Deutsche uns befinden, die Entspannung der Nerven – zweifellos, um neue Kraft zu schöpfen für das, was wir in allernächster Zeit zu tragen haben und von dem wir noch keine Vorstellung uns machen können.“

Das Kriegsende gesehen als Atempause vor neuen Leiden und Herausforderungen, „von denen wir uns noch keine Vorstellung machen können“! Aus dem Krieg Lehren zu ziehen, muss bedeuten, für den Frieden zu arbeiten. Das geht nicht alleine, das muss seinen Platz und seine Zeit in der Gesellschaft haben, das muss generationenübergreifend geschehen. Das ist der Zweck des Volkstrauertages.

Der Krieg ist heute mitten in Europa angekommen, seit Februar 2022, seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Möge der heutige Tag mit seinen Friedensbotschaften einen Beitrag dazu leisten, dieser Situation entgegenzuwirken.

Rede von Heinrich Fischer, Vorsitzender der Soldatenkameradschaft Pullach:

Sehr verehrte Anwesende,

lassen Sie mich zu Beginn meiner Rede an zwei Kameraden erinnern, die am selben Tag dieses Jahres, nämlich am 1. Februar, verstorben sind. Sie kannten sie beide, denn sie haben das Leben in unserer Gemeinde – auch durch ihr ehrenamtliches Engagement – auf vielfältige Weise bereichert:  Wir gedenken unserer verstorbenen Kameraden Dietmar Brandstetter und Harry Schwagereit.

Wenn wir an das unsägliche Leid der Hinterbliebenen der toten Geiseln im Gazastreifen denken, so erinnert uns das auch an die vielen Vermissten der beiden Weltkriege. Auch eine Tante von mir hat ihre drei Kinder nach dem Krieg durchbringen müssen. Meine beiden Cousins und meine Cousine haben ihren Vater verloren, als sie noch Kleinkinder waren. Um Hinterbliebenenrente zu erhalten, musste meine Tante ihren Mann für tot erklären lassen. Wo genau er in Russland umkam, ist bis heute ungeklärt.

Durch die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge konnten in den vergangenen Jahrzehnten viele Vermisste gefunden, identifiziert und die sterblichen Überreste in einem Soldatenfriedhof würdig bestattet werden. Es ist wichtig, dass wir diese Arbeit weiter unterstützen, damit sie fortgeführt werden kann. Noch immer gelten tausende Kriegsteilnehmer als vermisst.

Wir beerdigen zwar die Toten, aber niemals die Erinnerung an sie. Wir brauchen die Erinnerung, damit wir den Geschichtsfälschern die Wahrheit vorhalten können.  Mit unserer Erinnerung an die Opfer ihres verbrecherischen Denkens und Handels zertrümmern wir ihre Argumente für Machtmissbrauch, Unterdrückung, Folter, Zerstörung und Vertreibung. Wir stehen hier um zu zeigen, dass es möglich ist, Konflikte friedlich zu lösen. Wir stehen hier um zu zeigen, das gewalttätige Auseinandersetzungen, Terrorakte und Kriege nur Opfer hinterlassen.  Opfer, die ein Gesicht, einen Namen und eine Geschichte hatten. Sie sind nicht anonym, sondern sie haben real in unserer Mitte gelebt. Sie haben Spuren hinterlassen: Von einem Bruder meines Schwiegervaters existieren noch ein paar Grafiken. Wie hätte er sich wohl als Künstler entwickelt, wäre er nicht im 2. Weltkrieg befallen und bis heute vermisst geblieben? Welche Bilder hätte Franz Marc noch gemalt, wäre er nicht im 1. Weltkrieg gefallen?

Unser gemeinsames Gedenken braucht eine Zeit, einen Ort, eine Struktur und am wichtigsten: Menschen, die bereit sind zu gedenken. Einen Sonntag im November, eine Gedenkstätte am Isarhochufer, Gebete, Ansprachen, Musik, Fahnen, Blumen, Kerzen und Sie alle, die Sie heute hierhergekommen sind. Vielleicht müssen wir künftig die Zeit, den Ort und die Struktur etwas ändern, damit noch mehr Mitmenschen gemeinsam zur Erinnerung zusammenkommen. Das Gedenken aufzugeben hieße aber, unsere Geschichte zu vergessen, unsere Toten für immer in der Versenkung verschwinden zu lassen und uns mit den Geschichtsfälschern auf eine Stufe zu stellen. 

Erlauben Sie mir noch eine Bemerkung zu unserer Fahne. Sie ist in neuem Glanz wieder bei uns. Nach einer Expertenmeinung wäre unsere Fahne eigentlich nicht mehr reparabel gewesen – jedenfalls zu einem vertretbaren finanziellen Aufwand. Durch einen Zufall kamen wir zu einer zweiten Expertenmeinung mit einem anderen Ergebnis. Unsere Fahne ist aus der Reparatur zurück und dank großzügig zugesagter finanzieller Unterstützung der Gemeinde Pullach und zahlreicher Spenden aus dem Kameradenkreis können wir diese Reparatur auch bezahlen. Diese Fahne ist sichtbare Pullacher Geschichte. Wir werden sie erneut weihen lassen und feierlich wieder in Dienst stellen. 

Wir gedenken heute an diesem Volkstrauertag an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde. Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten. Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehr-Soldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren. Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt Opfer geworden sind. Wir gedenken der Opfer von Terrorismus und Extremismus, Antisemitismus und Rassismus in unserem Land. Wir trauern insbesondere um die Opfer der russischen Aggression in der Ukraine und um die Opfer des Krieges im Nahen Osten. Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz. Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

Mit Rücksicht auf die Menschen, die bei uns in diesem Moment, sei es in der Ukraine, in Israel, im Gazastreifen, im Sudan oder wo auch immer, Opfer eines Krieges werden, wollen wir ohne den Knall eines Gedenksaluts der Toten gedenken. 

Zum Gedenken senkt die Fahnen!

Gedicht von Jörg Baesecke, Pullacher Künstler und Kulturpreisträger des Landkreises München 2025:

Einmal im Jahr fahre ich in meine Geburtsstadt, an den Niederrhein – „auf die Gräber“. Dort halte ich stumme Zwiesprache mit meinen Eltern. Einer dieser Besuche ging ein in mein Gedicht: Ungestellte Fragen, unterbliebene Antworten, geteilte Trauer, aufgelöst in einer späten Umarmung – das erschien mir passend zum Volkstrauertag.

Am Grab meines Vaters

Herbstsonnentag.
Dein Grabstein ist noch warm.
und wie um eine Schulter
leg ich meinen Arm
um deinen Stein.

Warum
hab ich das nie
zu Lebzeiten getan?

Dein Krieg stand zwischen uns,
ein Zaun von Fragezeichen,
beredtes Schweigen,
doch zum Stein-Erweichen
hab ich geweint,
als du gegangen bist.

Jahrzehnte her,
ich blieb zurück mit Fragen,
mit Fragen, die man nie vergisst.

So viele Namen, nie genannt:
Maly Trostinez, Liepaja, Babyn Jar –
Chelmno – sag: hast du sie gekannt?

Narwa, Wolchow, Forell – hör ich aus deinem Mund.
Das waren deine Lager, und
Geleitzug Narvik, Eismeerstraße,
so kalte Jahre – nichts war dir geschenkt.
Krieg und Gefangenschaft, getroffen und versenkt.

Und überlebt. Soldat unter Soldaten.
Ich bin’s, der heute an dich denkt.

Und fragt: Wärmten uns eure Taten?

Ich steh im Herbstlicht, fröstelnd,
doch der Stein ist warm.
Ich halt‘ den Stein, halt‘ dich in meinem Arm.