Vorstellung „Pullacher Lebenswege“

Ich freue mich sehr, dass so viele von Ihnen heute zur Vorstellung der Pullacher Schriftenreihe, Band 8: „Geschichte der antisemitisch verfolgten Bevölkerung“ ins Pullacher Bürgerhaus gekommen sind. Vor uns liegt ein besonderer Abend, und ich möchte damit beginnen, einige unserer Gäste besonders zu begrüßen: Frau Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Frau Ellen Presser, ebenfalls von der israelitischen Kultusgemeinde, Frau Dr. Susanne Meinl, bereits Autorin von Band 6 der Pullacher Schriftenreihe, Heilmannstraße, und einige Angehörige von antisemitisch verfolgten Pullacher Familien, die für den heutigen Abend extra zu uns nach Pullach gekommen sind: Frau Stockinger aus München (Familie Zimmermann), Frau Ann Fremd aus Stuttgart (Familie Borchardt), Professor Joachim Mugdan aus Basel/Schweiz (Familie Mugdan), Rainer Wallraf-Strauss aus München (Familie Dreifuß), Andrea Berlin-Zinkhahn aus Stuttgart (Familie  Berlin) und Anne Kirchbach aus Starnberg (Familie Kirchbach).

Danken möchte ich auch allen, die zum Gelingen des Bandes beigetragen haben: den anwesenden Mitarbeitern aus den Archiven, dem Staatsarchiv München, dem Stadtarchiv München und dem Bayerisches Hauptstaatsarchiv, und allen Personen, die anderweitig Material zum Buch beigesteuert haben. Daneben Herrn Per Wallenborn für Layout und Druck des Buches sowie dem Geschichtsforum Pullach mit Angelika Bahl-Benker und Wolfgang Wirts.

Begrüßen möchte ich auch unseren Altbürgermeister Ludwig Weber und unseren Ehrenbürger und Gemeindearchivar Erwin Deprosse. Unter uns sind auch einige Mitglieder des Gemeinderates, und auch der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes und Justizstaatssekretär, Hans-Jörg Geiger, ist zu uns gekommen. Mit ihm auch der Pressesprecher des BND, Martin Heinemann. Herzlich willkommen! Ich begrüße Ludwig Schmiedinger, bischöflicher Beauftragter für die KZ-Gedenkstättenarbeit, und nicht zuletzt die Vertreterinnen und Vertreter der Presse: Kaja Weber, Michael Morosow, Andrea Kästle und Uwe Thomas. 

Sehr geehrte Damen und Herren, uns wird heute ein Band der Pullacher Schriftenreihe vorgestellt, in dem es um Pullacher Familien und Einzelpersonen geht, die Opfer der antisemitischen Verfolgungen der NS-Diktatur geworden sind. Diese Menschen, Mitbürger, die auf der Grundlage der sogenannten „Nürnberger Rassengesetze“ diskriminiert, verfolgt und entrechtet wurden, sind letztlich damals aus der Gemeinde Pullach herausgerissen worden. Noch hier in Pullach wurden sie auf Listen geschrieben, die an das Landratsamt, damals Bezirksamt, und damit an andere Behörden des NS-Staates weitergeleitet wurden. Diese Listen finden wir noch heute in unserem Gemeindearchiv. Sie wurden durch die genannten „Rassengesetze“ und andere, nach und nach erlassene, diskriminierende Gesetze des NS-Staates sukzessive aus dem öffentlichen Leben herausgestoßen: Sie verloren ihre Arbeit, ihre Professur, ihre wissenschaftliche Tätigkeit in der chemischen Industrie, ihre Lebensgrundlage, ihr Unternehmen oder ihr Gewerbe. Sie verloren nach und nach ihren Besitz, ihre gesellschaftliche Stellung, ihre Teilhabe an der Gesellschaft; vor allem aber waren sie durch ein verbrecherisches Regime bedrängt, das ihnen das Leben nehmen wollte. Dieser Mord ist, wie wir wissen, millionenfach geschehen.

Wenn man angesichts dieser Situation überhaupt von Glück reden kann, dann ist es eines, dass es relativ viele Pullacher Familien schafften, aus Pullach, aus Deutschland, zu fliehen. Manchen gelang es, in einem anderen Land, im Exil, eine neue Existenz aufzubauen. Andere fühlten sich entwurzelt und fanden dort keine neue Lebensgrundlage. Einige gerieten nach dem Vorrücken deutscher Truppen in die Exilländer wiederum in die Fänge des NS-Terrors.

Unter einem gewissen „Schutz“ (eben der oben genannten „Rassengesetze“) standen antisemitisch verfolgte Personen, die mit „arischen“ Ehepartnern verheiratet waren und damit in sogenannten „Mischehen“ lebten. Hier versuchte der NS-Staat mit aller Macht, Ehepartner zur Scheidung zu bewegen, um den vollen Zugriff auf die Opfer ausüben zu können. Hier konnten die Familien aber auch durch verschleppte Scheidungsverfahren, durch kluge Besitzregelungen und gegebenenfalls auch durch Einflussnahme auf die Machthaber Zeit gewinnen.

Todesfälle gab es dennoch auch unter den Pullacher Verfolgten. Im Zuge der Recherchen mußten mindestens zehn Todesfälle von Personen/Eheleuten festgestellt werden, die in Pullach gelebt hatten und die an anderen Orten verstarben. In drei weiteren Fällen verstarben antisemitisch verfolgte Bürger aus München in Pullach.

Das Ehepaar Jakob Lovejoy Dreifuss und Laura Dreifuß geb. Strauss, die am 03.04.1941 nach Piaski deportiert wurden und vermutlich am oder beim Zielort ermordet wurden.

Hilde Strauß, zeitweise Mitbewohnerin und „Haustochter“ im Haushalt des Ehepaars Jakob und Laura Dreifuß, wurde zusammen mit ihrer Familie, den Eltern und einer Schwester, von München aus im November 1941 nach Kaunas verschleppt und dort am 25.11.1941 ermordet.

Hugo Strauss, der am 29.11.1942 deportiert wurde und im Fort Kaunas/Litauen ermordet wurde.

Franz Pollitzer, der mit seiner Frau Deutschland 1939 verlassen konnte, in Paris lebte, nach dem Einmarsch deutscher Truppen interniert wurde und schließlich im September 1942 aus dem Lager St. Sulpice nach Auschwitz deportiert wurde. Der genaue Todestag ist nicht bekannt.

Max Luber, der im Zuge der Reichsprogromnacht in das Konzentrationslager Dachau gebracht wurde, von dort krank und gebrochen entlassen, etwa ein Jahr später an den Folgen in München verstarb.

Rosa Wildberg, die über das Lager Clemens-August-Straße 9, München, nach Theresienstadt deportiert wurde und dort am 02.12.1942 verstarb. Ihre Tochter Luise Frei und deren Mann Arthur wurden im März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Gertrude Rescher/Neussell, die zeitweise in Pullach wohnhaft war, nahm sich am 14. Oder 15.11.1938 in München das Leben, wenige Tage nach der Reichsprogromnacht.

Gustav Adolf Dreifuß, der 1936 über die Schweiz und Italien nach Kolumbien emigrierte und sich dort an seinem Wohnort Sagoc Kocuta 1948 erschoss.

In Pullach nahmen sich die Münchner Verfolgten Max Fürther, Samuel Strauss und Siegfried Weissenbeck das Leben.

Diesen Menschen gilt unser Gedenken.

Unser Gedenken gilt ebenso allen anderen antisemitisch Verfolgten der Gemeinde Pullach, die seinerzeit in Pullach, in Ländern des Exils oder in Verstecken im In- und Ausland in fortwährender Lebensgefahr waren und unter den Bedrängnissen des Terrors und der Verfolgung ihre Gesundheit und ihr Leben verloren.

Dank zahlreicher Quellen in den Archiven und bei den Familien ist es uns heute möglich, auch namentlich dieser Menschen und ihren Lebensgeschichten zu gedenken. Durch das Buch von Susanne Meinl können wir die verfolgten Pullacherinnen und Pullacher nun gleichsam hierher nach Pullach “zurückerinnern“.

Von Glück können wir zudem reden, dass unser Erinnerungsbuch von so erfahrener und einfühlsamer Hand konzipiert, recherchiert und verfasst wurde.

Von Dank können wir auch sprechen, dass der Gemeinderat als Vertreter der Pullacher Bürgerinnen und Bürger dieses Buchprojekt ermöglicht hat; dass die Pullacherinnen und Pullacher damit quasi selbst für das Buch Pate gestanden haben. Das hat sich auch in größeren Einzelspenden ausgedrückt.

Mein Dank gilt nun auch allen, die den heutigen Abend gestalten: Neben Frau Dr. Meinl, die das Buch vorstellen wird, werden wir eine Lesung einzelner Texte hören, alles junge Leute, deren Namen Sie im Programm finden. Musikalisch begleitet wird der Abend von engagierten Musikern unter Leitung von Irmi Mallach, die eine nicht gerade einfache Musik extra einstudiert haben. Die Namen der Musiker finden Sie ebenfalls im Programm.

Als Vertreterin der „politischen Gemeinde“ Pullach möchte ich nun das Wort weitergeben an die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Frau Dr. Charlotte Knobloch. Vielen Dank!

 

Hinweis: Die vollständige Rede von Frau Dr. Charlotte Knobloch finden Sie hier.