Vorstellung der „Pullacher Lebenswege“: Bewegender Gedenkabend im Bürgerhaus

Ein bewegender Abend des Gedenkens war die Vorstellung der „Pullacher Lebenswege: Geschichte der antisemitisch verfolgten Bevölkerung“, Pullacher Schriftenreihe Bd. 8, im Pullacher Bürgerhaus. Zwischen den interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern hatten auch Angehörige der Familien Platz genommen, die einst in Pullach gelebt hatten und während der NS-Herrschaft systematisch aus dem gesellschaftlichen Leben herausgedrängt wurden. Einige von ihnen konnten sich der Rassenverfolgung durch Flucht und den Aufbau einer neuen Existenz im Exil im letzten Moment entziehen, andere überlebten Terror und Entrechtung nicht.

In den „Pullacher Lebenswegen: Geschichte der antisemitisch verfolgten Bevölkerung“ hat die Historikerin Susanne Meinl 35 Lebenswege dieser ehemaligen Pullacher Mitbürgerinnen und Mitbürger nachgezeichnet. Im Rahmen ihrer intensiven Recherchetätigkeit stieß sie dabei auch auf Angehörige der damals Verfolgten, die durch eigene Erinnerungen oder Dokumente viel zur Authentizität des Buches beigetragen haben. So ist ein Gedenkbuch entstanden, das nicht nur der Erinnerung an die Verfolgten gewidmet ist, sondern auch in die Gegenwart ausstrahlt. Einige Angehörige waren bei der Buchvorstellung in Pullach dabei und wurden von Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund herzlich begrüßt, darunter Joachim Mugdan, der extra aus Basel angereist war.

Das Grußwort des Abends sprach die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. Charlotte Knobloch. In bewegenden Worten schilderte sie, im Herbst 1932 geboren, ihre eigenen großen Ängste als Kind – und ihre große Sorge angesichts akuter Gefahren der Gegenwart. „Wir werden heute Zeuge, wie Revisionismus und Holocaustrelativierung in der Politik erneut einen Platz finden, und wir erleben, wie Minderheiten – auch und besonders jüdische Menschen – wieder Ziel politischer Agitation werden“, sagte sie. Das Gedenken für die jüngere Generation zu bewahren, sei deshalb eine schwierige Aufgabe. Glücklicherweise müsse diese Aufgabe nicht mit leeren Händen angegangen werden. „Als patente Hilfsmittel stehen unter anderem Veröffentlichungen wie die Pullacher Lebenswege zur Verfügung.“ Seine besondere Kraft erhalte das Buch vor allem durch ein Detail, das sich von vielen anderen Gedenkschriften unterscheidet: „In den Pullacher Lebenswegen lernen wir die Verfolgten auf lebensechten Fotos kennen. Statt klassischer Ausweisfotos in Schwarzweiß zeigt das Buch die Menschen im Kreise ihrer Familien, mit Kindern auf dem Schoß, beim Fasching oder in den Ferien.“ Damit, so Knobloch, erhalten wir einen einmaligen Einblick „in ihren gewöhnlichen, bürgerlichen Alltag – als sie ihn noch hatten“.

Anschließend lasen Valentin Kuchler, Sonja Gschoßmann, Naomi Mangold, Maximilian Strnad, Angelika Bahl-Benker, Wolfgang Haas und Susanne Meinl aus sechs der 35 Lebensgeschichten kurze Passagen vor: letzte Briefe, Deportationsbescheide, Bekanntgabe eines Selbstmords der eigenen Tochter. Musikalisch umrahmt wurde der Abend vom Streicherensemble unter Leitung von Irmtraud Mallach. Die Musiker präsentierten drei Stücke des modernen Komponisten Karl Georg Hemmerich (1892-1979), der mit einer der verfolgten Pullacher Familien eng verbunden war. Die Dissonanzen seiner Stücke sind Ausdruck einer unerträglichen Zeit, dessen direkter und unmittelbarer Zeuge Hemmerich war.

Die „Pullacher Lebenswege: Geschichte der antisemitisch verfolgten Bevölkerung“ (Pullacher Schriftenreihe, Bd. 8) sind am Rathaus-Empfang erhältlich. Ein Exemplar kostet 25 Euro.