16. November 2014, Volkstrauertag an der Gefallenengedächtnisstätte

In einem Tagebuch-Eintrag vom 11. Oktober 1916 heißt es:

„Will die Jugend überhaupt den Krieg? (…) Der schreckliche Unsinn, dass die europäische Jugend gegeneinander rast. (…)

Peter, Erich, Richard, alle stellten ihr Leben unter die Idee der Vaterlandsliebe.

Dasselbe taten die englischen, die russischen, die französischen Jünglinge. Das Ergebnis war das Rasen gegeneinander und die Verarmung Europas.

Ist also die Jugend in all diesen Ländern betrogen worden?

Hat man ihre Fähigkeit zur Hingabe benutzt, um den Krieg zustande zu bringen?

Wo sind die Schuldigen?

Gibt es die?

Sind alles Betrogene?

Ist es ein Massenwahnsinn gewesen?

Und wann und wie wird das Aufwachen sein?

Nie wird mir das alles klar werden.

Wahr ist nur, dass die Jungen, auch unser Peter, vor zwei Jahren mit Frömmigkeit in den Krieg gingen.

Und dass sie es wahr machten, für Deutschland sterben zu wollen.

Sie starben – fast alle.

Starben in Deutschland und bei Deutschlands Feinden.

Millionen. (…)

Ist es treuelos gegen Dich – Peter – dass ich nur noch den Wahnsinn jetzt sehn kann im Kriege?

Peter, Du starbst gläubig.“

Diesen Tagebuch-Eintrag schrieb Käthe Kollwitz, die auch als Bildhauerin mit ihrer eindrucksvollen Kunst Leidenden und Trauernden Gesicht und Gestalt gab. Ihr Tagebucheintrag enthält wichtige Fragen, die sich viele Mütter in Europa im letzten Jahrhundert stellen mussten. Diese Fragen konnte weder Käthe Kollwitz 1916 beantworten, noch können wir dies heute tun.

Zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem Sohn Peter und der Erkenntnis des „Massenwahnsinns“, wie sie es ausdrückt, dem dieser Sohn „gläubig“, ohne jedes kritisches Nachdenken folgte, steht die Mutter mit ihrem Leid und der Erkenntnis, dass Wahnsinn und Krieg zusammen gedacht werden müssen.

In allen beteiligten Ländern wird in diesen Tagen an das enorme Leid, das der Erste Weltkrieg hervorrief, erinnert. Im Gedächtnis der französischen Bevölkerung hat „La Grande Guerre“ (der große Krieg) einen enorm hohen Stellenwert. Allein die Anzahl von Namen von Gefallenen an Erinnerungsorten wie diesem an der Hochleite verweist in ganz Europa auf das Ausmaß des Krieges. Die Industrialisierung, die Technik-Euphorie der damaligen Zeit hatten schließlich enorme Auswirkungen auf die Art der Waffen, auf die Form der Kriegsführung und die Einschätzung der Soldaten als „Material“.

Anders als in Frankreich nimmt in Deutschland eher der Zweite Weltkrieg die große Rolle im Bewusstsein der Bevölkerung ein. Der Krieg, der vom nationalsozialistisch geführten Reich ausging, hat enormes Leid für die Menschen in allen kriegsbeteiligten Ländern mit sich gebracht. Auch hier könnte man aus Tagebüchern von Müttern und Großmüttern zitieren. Die rassistischen Zielsetzungen der Kriegsführung führten zum Holocaust, zur Zerstörung in anderen Ländern, aber auch zur totalen Selbstzerstörung, zu Flucht und Vertreibung. Zu Opfern machte der Krieg auch die Bewohner der Städte, die von den Alliierten bombardiert wurden.

Wir stehen hier, gedenken der getöteten Soldaten und allen Opfern von Krieg, Vertreibung und Verfolgung. Auch in unserer Gemeinde gab es nicht nur Soldaten, die durch den Krieg ihr Leben verloren.

Ich denke an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Pullach verlassen mussten und an anderen Orten zu Tode gekommen sind. Ihnen zu gedenken ist ebenfalls unser Auftrag! Wie beispielsweise das Gedenken an Dr. Franz Pollitzer. Der Chemiker, der bei Linde beschäftigt war. Er wurde zunächst im Konzentrationslager Dachau interniert und konnte dank der Unterstützung seines Arbeitgebers noch nach Frankreich emigrieren, geriet aber dort erneut in die Fänge der Gestapo: 1942 wurde er verhaftet und nach Auschwitz deportiert.

Und ich denke an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die durch ihre Arbeit, durch ihr Leiden und durch Bombenangriffe zu Tode kamen. Es gibt bereits seit längerem Überlegungen, diesen Menschen mit einer Tafel zu gedenken. Wir wissen noch wenig über die Schicksale derjenigen, die zwangsweise in Pullach lebten und starben oder auch überlebten und nie wieder Kontakt suchten.

Ich könnte mir auch für unsere Gemeinde ein Projekt vorstellen, wie dies vor ein paar Jahren im Gymnasium Gersthofen stattgefunden hat. Die Schülerinnen und Schüler haben durch ihre Recherchen tatsächlich noch Personen oder zumindest deren Angehörige gefunden, die nach Gersthofen verschickt worden waren. Und es kam zu bewegenden Begegnungen – schließlich wurden nicht alle Zwangsarbeiter schlecht behandelt.

Wir sollten diesen Pullacher Gedenkort erweitern, verändern und/oder ergänzen. Umgangssprachlich heißt die Gefallenengedächnisstätte ja noch immer Kriegerdenkmal. Damit hier für alle Opfer ein Ort des Gedenkens entstehen kann, ist die eine oder andere Veränderung erforderlich. Damit sollten wir nicht zu lange warten.

Bei der Völkerverständigung ist die Gemeinde in der Pflicht und sie ist nicht untätig geblieben: Gerade mit den kommunalen Partnerschaften ist sie wichtige Schritte gegangen.  Die Jumelage mit Pauillac, deren 50-jähriges Bestehen wir dieses Jahr feiern konnten, hat einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der „Erbfeindschaft“ geleistet, 1964 zählte unsere Partnerschaft zu den ersten deutsch-französischen Verbindungen.

Vor 25 Jahren die Partnerschaft mit Baryschiwka und Beresan zu besiegeln war nach dem Fall des eisernen Vorhangs das richtige Signal der Ost-West-Verständigung. Am kommenden Freitag werden Otto Horak und ich einen Krankenwagen nach Baryschiwka überführen. Ich hoffe, dass wir mehr erfahren über die schwierige Lage unserer Freunde in der Ukraine.

Die Situation in der Ukraine zeigt uns, wie labil auch in der heutigen Zeit eine Friedenssituation ist und wie schnell und unerwartet kriegerische Auseinandersetzungen präsent sein können.  Ein grauenvolles Ergebnis beider Weltkriege waren Zwangsumsiedlungen, war Flucht und Vertreibung. War der Verlust der Heimat.

Wir denken an alle, die im Jahrhundert der größten Kriege der Menschheitsgeschichte zu Tode kamen. Und wir müssen feststellen, dass all dies Fürchterliche auch heute aktuell ist und es Flüchtlinge gibt, die nun bei uns anklopfen.

Menschen, die einem Kriegsgeschehen entkommen wollen. Menschen, die verfolgt werden, weil sie anders denken oder anders glauben.  Wir sind hier auf der sicheren Seite. Wir alle können helfen. Ja wir müssen es. Wir haben die Pflicht, die Menschen aus Syrien, dem Irak, aus Eritrea, aus Afghanistan offen aufzunehmen, ihnen Sicherheit und Unterkunft zu bieten.

Es hat Tradition diese Gedenkfeier mit der Bayern- und der Deutschlandhymne zu beenden. Die positiv gestimmte Europahymne darf – denke ich – nicht fehlen, denn das politische Europa war und ist wesentlich für den Frieden, in dem wir leben.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.